Was ist das denn für ein Durcheinander?

Oder: Welche grandiose Denkleistungen sich hinter aufeinander geschichteten Pappkartons und miteinander vermatschten Lehmsteinen verbergen.

Wer schon mal bei uns im Forscherhaus unterwegs war, hat auf den Fensterbänken oder in den Räumen abenteuerlich aufeinander getürmte oder miteinander verbundene Kartons oder Verpackungen aller Art gesehen. Immer wieder fragen Eltern dann mehr oder weniger entsetzt:

„Was soll das denn?“

Zugegebenermaßen ist das auf den ersten Blick nicht immer zu erkennen. Umso wichtiger ist es, sich die Bauwerke erklären zu lassen – am besten von den Kindern selbst. Genau die haben sich nämlich eine Menge bei dem gedacht, was sie da hergestellt haben: Sie haben nicht nur Möglichkeiten und Wege gefunden, eine herausfordernde Aufgabenstellung zu bearbeiten. Nein, sie haben darüber hinaus einen Plan entwickelt, der Schritt für Schritt die zentralen Herstellungsschritte beschreibt, und diesen auch ausgeführt. Hierbei konnten sie nur auf Alltagsmaterialien zurückgreifen, die das Forscherhaus mit großer Begeisterung sammelt. Sie mussten also Wege finden, wie sie aus diesen Materialien mit ihren Möglichkeiten, Werkzeugen und Ideen die eigenen Vorstellungen verwirklichen konnten.


Natürlich sehen die Ergebnisse meist nicht so „schön“ aus wie fertige Bausätzen, bei denen die Kinder vorgegebene Materialien nach vorgegebenen Plänen nur noch weitgehend gedankenlos bearbeiten müssen. Aber uns im Forscherhaus geht es weniger um die Schönheit, sondern vielmehr darum, dass unsere Kinder lernen, selbst zu denken, kreativ Lösungen zu entwickeln und wohldurchdachte Pläne zu gestalten – denn das sind die Fähigkeiten, die sie in ihrem Leben wirklich benötigen.

Glücklicherweise gibt es viele Themen, die sich auf diese Weise bearbeiten lassen: Wenn beispielsweise das Thema Achsen im Vordergrund steht, müssen die Kinder im Forscherhaus ein Achslager bauen. Wenn es um das Skelett und die Gelenke des Menschen geht, müssen die Kinder entsprechende Gelenke erstellen usw. Vor allem auf diese Weise werden ihnen die einzelnen Informationen so klar, dass sie auch langfristig über sie verfügen können.

Und was lernen die Kinder sonst noch durch dieses Bauen?

Als Antwort möchte ich Ihnen gerne von einer zweiten Klasse erzählen, deren Schüler Häuser bauen sollten. Die Kinder hatten mit Begeisterung alles erforscht, was sie für ihr Tun wissen mussten. Sie hatten Pläne erstellt – und dann endlich mit dem Bauen begonnen.

Eine Gruppe hat nun als allererstes das Dach gebaut (das machte nämlich besonders viel Spaß). Leider stellte sich bald ein Problem ein: Wie nämlich sollte das Dach auf die Wände heraufbefördert werden können? 

Das Problem war so groß, dass die Gruppe eine Gesprächs- und Hilferunde einberief. Alle Schüler überlegten gemeinsam, wie sich dieses Problem lösen ließ. Genau dabei schaute sich ein Schüler den Plan unserer Gruppe an – und stellte fest: „Aber in eurem Plan habt ihr doch den Bau des Dachs ganz am Ende geplant. Warum habt ihr euch also nicht an euren Plan gehalten?“
Für einen Moment war Stille – und dann hatte die Gruppe begriffen, wie wichtig es ist, sich Abläufe gut zu überlegen und sich dann auch an diese Überlegungen zu halten. Kurzerhand haben sie ihr Dach eingerissen und es so gebaut, wie sie es ursprünglich geplant hatten.

War das jetzt Scheitern?

Nein, es war ein grandios wichtiger Lernprozess: Die Kinder haben ohne erhobenen Zeigefinger unmittelbar im Tun gelernt. Und dieses Lernen war so einprägsam und nachhaltig, dass ihnen dies kein zweites Mal geschehen ist: Von nun an waren die Abläufe in ihren Plänen stets wohldurchdacht – und auch in der Ausführung wurden diese Abläufe eingehalten.

Gibt es eine bessere Art zu lernen?

Von Dr. Uta Stücke

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